Rückbau Ost – eine Stadt verspricht blühende Landschaften

Die heutige Fotostrecke zeigt einen Alltag von Dessau, den ich ab Ende der Neunzigerjahre mit erleben musste, als ich noch einmal für 10 Jahre von Bremen zurück nach Dessau kam, bevor ich gänzlich nach Berlin ging.

In meiner Dessauer „Zwischenzeit“ war ich viel mit Frau S-Punkt unterwegs, wir haben den Kristallpalast Dessau vor die Linse bekommen, VEB Junkalor (bevor dieser Betrieb bis auf die Lamellenhalle abgerissen wurde), die Gärungschemie oder die Brauerei (VEB Getränkekombinat) Dessau (mit Innenaufnahmen) und wir haben den Rückbau vom ehemaligen Konsument Warenhaus Dessau dokumentiert.
Rainald Grebe würde jetzt wohl vom Nebenschauplatz singen: „In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt, was soll man auch machen, mit 17, 18 in Brandenburg“.
Genau so empfand ich immer diese Stadt, die sich wie „nichts“ anfühlte. Aufgeblasen und verlassen war sie schon immer. Jetzt wurde abgerissen!

Über den Rückbau Ost, der auch gern positiv besetzt: „Stadtumbau“ genannt wird, gibt es über Dessau sehr wenig in den Medien. Ausnahme bildet hier der Focus, der auch gleich noch ein Video beigesteuert hat:

Aufgeblasen, verlassen und abgerissen

Die Ruinen der früheren sozialistischen Großbaustelle prägen bis heute das Bild der einstigen 100.000 Einwohner-Stadt. Ein Viertel der Einwohner hat Dessau seit der Wende verloren. Tausende Wohnungen werden deshalb abgerissen und der gesamte Stadtkörper verschlankt.

Drastischer Bevölkerungsrückgang in Dessau

Allein 23. 000 Industrie-Arbeitsplätze existierten hier zu DDR-Zeiten. Das erste Jahrzehnt nach der Wende überlebten 80 Prozent dieser Arbeitsplätze nicht. Fast jeder Vierte geriet in die Arbeitslosigkeit und vor allem junge Menschen verließen Dessau in diesen schwierigen Zeiten. Die vielen Wohnungen aber bleiben.
Die Stadt verlor in 20 Jahren rund ein Viertel seiner Bevölkerung und die Prognosen für die Zukunft zeigen weiter steil nach unten.

Dies alles sind die Folgen des dramatischen Transformation-Prozesses, der mit der Wende einsetzte und Wirtschafts- sowie Bevölkerungsstrukturen stark veränderte.
Heute wird die Stadt zurück gebaut, der zu DDR-Zeiten aufgeblähte Stadtkörper wird ausgedünnt. Durch Abriss tausender Wohnungen und leerstehender Gebäude entstehen so Stadtinseln und großflächige landschaftliche Zonen.

Der Natur wieder mehr Raum geben

Die blühenden Landschaften halten somit Einzug in Dessau, erklärt Oberbürgermeister Klemens Koschig: „Wir ziehen die Landschaft mitten in die Stadt hinein, indem wir dort, wo noch vor wenigen Jahren Menschen wohnten, jetzt wieder der Natur Raum geben und mit Stadtinseln uns zurückziehen, in die sogenannten „Urbane Kerne“. Das ist ein schwieriger Prozess.“
Schwierig ist der Prozess deshalb, weil sich der Abriss von tausend Wohnungen und der dazugehörigen Infrastruktur politisch schwer vermitteln lässt. Denn gesellschaftlich zählt nur das Wachstum.

Welche Chancen eröffnet der Rückbau in Dessau?

Dabei eröffnet doch aus das Schrumpfen einer Stadt Möglichkeiten, sagt Dr. Heike Liebmann vom Leibniz Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung. Sie berät Bund und Länder wie auf den demografischen Wandel sinnvoll und effizient reagiert werden kann.
„Schrumpfen ist ein Prozess, der zunächst mit Schwierigkeiten und in gewisser Weise mit Trauerarbeit und Verlusterfahrung verbunden  ist“.

„Man greift ein in den unmittelbaren Lebensalltag von Menschen, indem man ihnen ihre Wohnung nimmt. Andererseits sollte man versuchen Chancen in diesen Prozessen sehen. Wo hat man jemals so viel Fläche zur Verfügung als in Ostdeutschland?  Wo können sich Kreative  so toll ausprobieren wie hier?“
In Dessau sind derzeit also Raumpioniere am Werk, die genau darüber nachdenken, wie viel Struktur für wie viele Menschen benötigt wird und was mit den frei gewordenen Räumen passieren soll.

Dessau ist Vorreiter für viele Städte Deutschlands

„Ein Prozess, der auch im Westen der Republik Schule machen wird und muss. Denn auch dort werden die Deutschen älter, bunter und vor allem weniger.
„Perspektivisch werden wir davon ausgehen müssen, dass die Prozesse, die wir zur Zeit in Ostdeutschland erleben – Vorreiterprozesse sind, die auch für viele westdeutsche Regionen  und Städte eine Rolle spielen werden. Vielleicht nicht in der Dynamik und in der beschleunigten Form wie wir sie in Ostdeutschland haben. Doch sie werden durchaus eine Rolle spielen.“

In Zeiten des Höher, Schneller, Weiter zeigt die Stadtentwicklung heute schon auf, dass Wachstum endlich ist. Die Doppelstadt Dessau-Roßlau hat dies bitter erfahren müssen. Aber auch längst die Zeichen der Zeit erkannt. Und darauf mit schlankeren Strukturen von der Verwaltung bis hin zur Veränderung des gesamten Stadtkörpers reagiert.

Nachtrag:
Ein YouTuber hat 2012 ein Video hochgeladen, welches eben aus jener Abrisszeit stammt (und darüber hinaus), was auch meine Fotos zeigen. Zugegeben, ist das Video sehr theatralisch, ob von der Musik, als auch von der Überschrift. Aber es zeigt dennoch innerhalb kürzester Zeit, was aus Dessau nach der Wende wurde, auch wenn es mit Sicherheit in einigen Jahren anders aussehen wird. Die Kultur ist schon lange tot.
Trotzdem: ausgedünnt bleibt ausgedünnt. Für überwiegend ältere Leute, die heute noch in Dessau wohnen, wird das nicht von Vorteil sein, was den spärlichen Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel betrifft (keine 4 Minuten, wie in Berlin!). Dessau ist für mich der Inbegriff von Depression und Rückschritt, das können auch die Gropius-Bauten nicht wett machen:

Alle Fotos sind im Juni 2004 entstanden. Nachfolgende beide stammen aus 2011:

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