Säuglings- und Kinderkrankenhaus Weißensee (Außenaufnahmen)

Das verkommene Scharlatan-Schloss von Berlin

Titelt die Tageszeitung WELT am 17. Februar 2014, woauf ich gleich noch näher im nachfolgenden Text eingehen werde.
Das ehemalige Kinderkrankenhaus in Berlin-Weißensee stammt aus der Kaiserzeit, von 1911 bis 1997 wurden dort Kinder und Mütter betreut – 40 Jahre davon, von 1949 bis 1989, auch in der DDR.
Und auch nach der Wende wurde das Krankenhaus noch einige Jahre betrieben. Doch dann kam kurz vor der Jahrtausendwende das Aus. Ein Krankenhaus ausschließlich für Kinder wurde nicht mehr gebraucht.

Das Säuglings- und Kinderkrankenhaus in Berlin-Weißensee war einst eine der fortschrittlichsten medizinischen Einrichtungen. Weil es Anfang des 20. Jahrhunderts eine hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit gab, fürchteten Städte und Gemeinden einen rapiden Rückgang bei den Kleinkinderzahlen.
So entschied man sich, das erste kommunal geführte Säuglings- und Kinderkrankenhaus Preußens zu bauen. An der Finanzierung beteiligte sich der Landkreis Niederbarnim, zu dem Weißensee seinerzeit gehörte. Entworfen wurde das Krankenhaus vom Gemeindebaurat Carl James Bühring im Jahre 1909. Er konzipierte ein mehrteiliges Gebäudeensemble.

Auf dem 28.000 Quadratmeter großen Grundstück erfolgte 1909 die Grundsteinlegung. Am 8. Juli 1911 wurde das Haus mit Parkanlage an der heutigen Hansastraße eingeweiht. In diesem konnten anfangs bis zu 40 Säuglinge und Kleinkinder behandelt werden, andere Quellensprechen von 60 Säuglingen und Kleinkindern, was scheinbar aber die spätere Zeit betraf. Neben einer chirurgischen Abteilung gab es Abteilungen, in denen HNO- sowie Hautkrankheiten behandelt wurden.

Das Säuglings- und Kinderkrankenhaus war das führende seiner Art in ganz Europa. So richtete es vom 11. bis 15. September 1911 den 3. Internationalen Kongress für Säuglingsschutz in Berlin aus.

Zu den Besonderheiten gehörte die erste und einzige „Milchkuranstalt“ in Preußen. Die im Krankenhauskomplex integrierte „Milchkuranstalt“ umfasste neben einem Kuhstall für 36 Kühe und einer Molkerei auch Anlagen zur Milchverarbeitung zur Versorgung der Kinder mit Milch. Für den Transport und die Lagerung der Milch war ebenfalls gesorgt. Neben dem Kuhstall gab es auch ein Pferdestall für 6 Rösser samt Knechtstube und Remise für drei Wagen.

Eine weitere Besonderheit war der im Park gelegene Isolierpavillon. Hier wurden Keuchhusten und Diphtherie behandelt.

Für Schwestern in Ausbildung ließ die Gemeinde einen Hörsaal errichten. In diesem fanden auch öffentliche Vorträge zur Säuglingspflege statt.

Die letzte Großinvestition war das neue Bettenhaus als ergänzender Anbau an der Rückseite der historischen Klinik. Die Anzahl der Betten wurde schrittweise auf 100 erhöht.

1985 wurde ein weiteres Bettenhaus angebaut.  Die Grundsteinlegung dazu erfolgte 1985, Einweihung war im Oktober 1987. Über Jahrzehnte war das Krankenhaus eine Institution in Weißensee. Doch dann kam das Jahr 1997. Der Senat entschied, aus Kostengründen und bei rückläufiger Bevölkerungszahl das Krankenhaus zu schließen.

Schließung und Neukauf für Pseudo-Medizin

Am 1. Januar 1997 wurde das Säuglings- und Kinderkrankenhaus geschlossen. Laut Pankower Chronik und der Tageszeitung WELT ließ sich das Land Berlin 2005 von einer Firma um das Grundstück betrügen, welche in einem zukünftigen „Heilerzentrum“ mit Radiowellen Aids/Krebs heilen wollte. Das „Alternativzentrum“ sollte laut der Tageszeitung taz 60 Arbeitsplätze schaffen. Später trat Berlin vom Kaufvertrag zurück.

Eine bizarre Geschichte über eine zweiwöchige Krebs- und Aids-Therapie, die die Krankheiten selbst im Endstadium mit Radiowellen heilen könnte. Erwachsene müssten dafür 5.000 Euro zahlen, Kinder würden kostenlos behandelt. In Russland sei diese Methode angeblich sehr erfolgreich angewendet worden, nur seien alle geheilten Patienten danach von konventionellen Medizinern umgebracht worden, um die angeblich erfolgreicheren Behandlungsmethoden zu vertuschen. (Quelle: Til Biermann/WELT)

Über das Unternehmen MWZ Bio Resonanz GmbH ist wenig herauszufinden, wie die taz Tageszeitung berichtet, die auch den Grundstückskaufvertrag veröffentlichten.

Das Kaufgrundstück unterliegt den Schutzvorschriften des Berliner Denkmalschutzgesetzes, da sie als Denkmalbereich (Gesamtanlage) in der Berliner Denkmalliste wie folgt verzeichnet sind: „Säuglingskrankenhaus mit Verbinder zum Auditoriumsgebäude, Isolierpavillion und Leichenhalle, einschließlich Grünanlage mit Skulptur; Wirtschaftsgebäude (Musterkuhstall, Melkraum, Milchverarbeitungsraum), Pferdestall mit Wagenremise, 1911 von Carl James Bühring; Erweiterung des Wirtschaftsgebäudes 1935.“ (Quelle: taz)

„Sie sei in der physikalischen und biologischen Forschung tätig und entwickle Computersoftware, heißt es auf einer Website, die Firmenprofile erstellt. Eine eigene Website oder Kontaktdaten sind im deutschsprachigen Netz nicht zu finden. Seit 2007 zog die Firma drei Mal innerhalb Berlins um und hatte fünf verschiedene Geschäftsführer“.

Der zweite Bewerber, der dieses Krankenhaus ursprünglich erwerben wollte, war laut taz das Kultur- und Bildungszentrum (KuBiZ) Raoul Wallenberg in Weißensee, das sich damals extra für den Erwerb des ehemaligen Kinderkrankenhaus-Geländes gründete. Sie planten, Raum für Jugend- und Kreativprogramme zu schaffen, und boten für das Gelände symbolisch 1€ . Seither beschäftigen sich die Gerichte mit der Rückabwicklung des 275.000 Euro teuren Grundstücks, um das Ensemble zurückzuerhalten.

Will man das Areal erkunden, will jeder Schritt gut bedacht sein: Bauschutt und lose Bretter bedecken den Boden. Unvermutet tauchen Schächte auf, die schwarz in die Tiefe luken. Überall ist der Putz von den Wänden gerissen, alle Fenster sind zerschlagen, von einer Etage kann man in die darüberliegende durch riesige Einsturzlöcher in der Decke blicken. Aus den Wänden ragt Kabelsalat. Wohin man auch blickt, ist sichtbar, dass die Gebäude nicht nur zeitlicher Verlotterung ausgesetzt sind. Glassplitter, eingeschlagene Türen und verkohlte Dachgiebel zeugen von Vandalismus. Allein im Jahr 2013 musste die Berliner Feuerwehr 18-mal anrücken, um Brände auf dem Gelände zu löschen.

Die Gebäudesubstanz scheint nicht mehr zu retten sein – auch somit verliert ein Gebäude Denkmalschutz. Andere sehen in immer wiederkehrenden Bränden auch einen warmen Abriss, wie dies dieser Bewohner es der taz berichtete.


Zusammengefasst

Kategorie: Medizin
Bundesland: Berlin/Germany
Baujahr: 1911
Verlassen seit: 1997
Status: Leerstand
Gesamtfläche: 26.000 m²
Denkmalschutz: Ja
Architekt: Carl James Bühring
Bauherr: Dr. Julius Ritter

Erkundet: 2011
Foto-Copyright: URBAN ARTefakte
Text-Quellen: WELT, Pankower Chronik, taz, Berliner Woche, Modern Ruins, Jeriko

https://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article124950215/Das-Schloss-der-Scharlatane.html
https://pankowerchronikdotde.wordpress.com/2015/01/25/saeuglings-kinderkrankenhaus-weissensee-20010241/
https://taz.de/Ruiniertes-Denkmal/!5048290/
https://www.welt.de/vermischtes/gallery124928559/So-sah-das-Kinderkrankenhaus-Weissensee-frueher-aus.html
https://www.berliner-woche.de/weissensee/c-bauen/einst-war-das-kinderkrankenhaus-der-stolz-der-weissenseer-stadtvaeter_a142114
https://www.modernruins.de/index.php/lost-places/medizin-und-forschung/krankenhaeuser/saeuglings-und-kinderkrankenhaus
https://taz.de/!232968/
http://www.jeriko.de/2010/01/02/sauglings-und-kinderkrankenhaus-weisensee/
https://www.welt.de/vermischtes/article124927004/Das-verkommene-Scharlatan-Schloss-von-Berlin.html

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