Schultheiss Brauerei Dessau (Außenaufnahmen)

Über die Geschichte, Verlauf, Weiternutzung etc. ist sehr wenig über diese Braurei bekannt, was öffentlich frei zugängliche Informationen betrifft, fernab von Stadt- und Landesarchiv und bezahlbaren Presseartikeln der Mitteldeutschen Zeitung (MZ).
Das ist einerseits sehr schade, da dieses Industriedenkmal somit auch immer „unsichtbar“ für Außenstehende bleibt, dabei ist diese Brauerei schon von der Gebäudearchitektur her ein Stück Wahrzeichen von Dessau, von der Geschichte des Bieres ganz zu schweigen, wenn man bedenkt, wie lange hier gebraut wurde. Also habe ich mal in den virtuellen Archiven nachgeschaut:

Aufnahme aus 2011

Schultheiss Patzenhofer Brauerei vs. VEB Getränkekombinat Dessau

Die ehemalige Brauerei in Dessau wurde als beeindruckend großer Industriebau errichtet. Sie entstand ab ca. 1850 in verschiedenen Bauphasen. Im Jahr 1860 gab es bereits vier Lagerbierbrauereien in Dessau.
Der bis auf das Verwaltungsgebäude bis heute erhaltene, große Brauereikomplex entstand in wesentlichen Teilen von 1896-1899 nach Entwürfen von Karl Teichen (Regierungsbaumeister). 1927-1928 wurden zusätzlich die Gleisanlagen, ein Kohlebunker, Wasserbehälter und ein Wasserturm errichtet. Die Geschichte fängt aber früher an:

1850 Der Anfang 
Am Rande der Stadt Dessau wird die Bayerische Dampfbierbrauerei auf der „Kienheide“ gegründet. Durch wirtschaftlichen Erfolg kann die Brauerei schon bald als „Brauerei zum Waldschlösschen“ erweitert werden. Mit einem Ausstoß von ca. 150.000 hl zählt das „Waldschlösschen“ bereits Ende des Jahrhunderts zu den industriellen Brauereien.

1896 Fusion mit dem Berliner Schultheiss Konzern 
Die Übernahme des Dessauer Werks bedeutet den ersten Schritt hin zum größten Lagerbierkonzern der Welt. Durch seine hervorragende Anbindung an das Streckennetz der Reichsbahn übernimmt das Dessauer Werk schon bald Aufgaben für den Gesamtkonzern: So wurden in Dessau in der noch heute existierenden Kastenfabrik sämtliche Bierkästen für den Schultheiss Konzern gefertigt. 

1930 Stadt am Rande der Stadt 
Die Brauerei Dessau ist mit ihren zahlreichen Erweiterungen eine lebendige „Stadt in der Stadt“. Das gepflegte Bräustübl samt Saal und Gartenanlagen wird gerne besucht. Aufgrund der vorbildlichen technischen und sozialen Einrichtungen genießt die Schultheiss-Brauerei in Dessau und weit darüber hinaus hohes Ansehen.

1945-49 Enteignung und die späteren Jahre
Nach dem Krieg, den die eigentlichen Brauereigebäude weitgehend unbeschadet überstanden, wird der Schultheiss Konzern enteignet und die Brauerei Dessau in der ehemaligen DDR zum volkseigenen Betrieb.
1971 erfolgte die Umwandlung in das VEB Getränkekombinat Dessau. Als solches lieferte die Brauerei eine Vielzahl von Biersorten in weite Teile der DDR und war mit 1.000 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber in der Stadt. Ende der 1960er Jahre wurde die Mälzerei modernisiert und erweitert, ab 1967 wurde das Spezialbier Dessator Spezial hergestellt.

1990 erneuter Wechsel
Durch die Wiedervereinigung und die Klausel im Einigungsvertrag, nach der angeblich jene russischen Enteignungen zwischen 1945-49 nicht rückgängig gemacht werden dürfen, fallen Grundbesitz und Produktionsanlagen an die Berliner Treuhandanstalt. Die Treuhand verkauft das Werk an einen Münchner Konzern, welcher 1992 den Braubetrieb nach München verlegt und in Dessau nur noch in München gebrautes Bier abfüllt. 1994 wird auch der Abfüllbetrieb eingestellt und sämtliche Produktionsanlagen aus den Gebäuden entfernt.

Fotos aus 2007 (und leider nur noch in dieser bearbeiteten Version):

Laut archivierten Presseberichten der taz und MZ aus 1997 gehörten die Gebäude der Münchner Projektentwicklungsgesellschaft „Bayerische Hausbau“. Eine Gesellschaft, die der Schörghuber Gruppe angehört, die als Inhaberin von Paulaner und Hacker-Pschorr erstrangige Brauerei-Interessen vertritt.
1994 erwarben die Münchner das ehemalige VEB Getränkekombinat Dessau mit den Standorten Schade und Schultheiss für angeblich 14 Millionen Mark von der Treuhand mit der Auflage, den Betrieb noch mindestens ein Jahr lang zu garantieren.

Fotos aus 2011:

Nur kurz nach Ablauf des Jahres wurde die ehemals grösste Brauerei der DDR abgewickelt. Wer sich nur zwei Jahre nach Produktionsende ein Bild von den Brauereigebäuden machte, dem bot sich ein Bild des Jammers.

Aufnahme aus 2011

Die nicht mehr genutzten Brauereigebäude verfallen ab 1997 zusehends. Während in Berlin private Investoren bzw. die öffentliche Hand die Sanierung und den Umbau der früheren Brauereien (und anderer Industriebauten) vorantreiben, gründet sich in Dessau im selben Jahr der gemeinnützige Brauhaus Verein, um den Verfall der Gebäude durch Pacht, Anmietung oder gegebenenfalls auch Kauf zu stoppen.

Aufnahme aus 2011

1999 kaufte dieser Verein zum symbolischen Kaufpreis von einer Mark das denkmalgeschützte Areal der früheren Schultheiss-Brauerei, denn alle Bemühungen der zur Schörghuber Unternehmensgruppe gehörenden Firmen Bayerische Hausbau (Bauträger-Gesellschaft) und Hacker-Pschorr Beteiligungs-AG (Immobilienbesitzgesellschaft) um eine wirtschaftlich vertretbare und städtebaulich interessante Nutzung blieben erfolglos. 35.000 Quadratmeter Nutzfläche sind zu erhalten und einer neuen Nutzung zuzuführen.

Aufnahme aus 2011

Mit dem gemeinnützigen und ca. vierzig Mitglieder zählenden Brauhaus Verein übernahm nun eine private Initiative den denkmalgeschützten Teil des Areals und bemühte sich, die anlaufende Sicherung und Sanierung der Gebäude an Qualifizierungsmaßnahmen für erwerbslose Jugendliche und älteren Langzeiterwerbslose zu koppeln, an denen auch die Berufsbildenden Schulen Dessaus maßgeblich beteiligt waren.
In einer Region, die einerseits von einer horrenden Arbeitslosigkeitsquote und daraus resultierenden Abwanderungsbewegung – insbesondere der Jugend – geprägt ist, ging es dem Verein darum, aufzuzeigen, dass Stadtentwicklung nicht nur der Politik überlassen werden darf und kann.

Auf dem ehemaligen Webauftritt (Stand 2006) des Brauhaus-Vereins steht dazu geschrieben:

Die frühere Brauerei Dessau verfügt über außergewöhnlich wertvolle Architektur der Gründerzeit. Die ältesten Teilbereiche der Brauerei sind ca. 150 Jahre alt, die jüngsten Gebäude wurden etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstellt. An dem nahezu geschlossenen Gebäudeensemble ist noch heute die Bierproduktion von der Anlieferung der Rohmaterialien bis zum Ausstoß des fertigen Produktes ablesbar.
Neben der denkmalgerechten Sanierung der Gebäude und dem Einsatz regenerativer Energieträger ist die Realisierung eines Nutzungsmixes von zentraler Bedeutung:
Unterschiedlichste Nutzer aus den Bereichen Wissenschaft, Kultur, Technik und Kommunikation sollen urbanes Leben nahezu „rund um die Uhr“ sicherstellen. Der bisher benachteiligte Problemstadtteil „Dessau-West“ würde dadurch massiv aufgewertet – ein wichtiger Schritt in Richtung nachhaltige Stadtentwicklung.

Aufnahme aus 2011

Bis heute sind fast alle Bereiche des monumenalen Backsteinbaukomplexes erhalten, Architektur und Einrichtung der Brauerei sind in den nicht vermieteten Bereichen im Wesentlichen im Originalzustand bzw. im der Zustand nach Sanierung in den 1960er und 1970er Jahren verblieben.
Erhalten sind bzgl. der Innenarchitektur z.B. Treppen, Fenster, Türen, Bodenbeläge, Kacheln, Säulen, Handläufe sowie zu einem geringen Teil auch technische Ausstattung.

In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich auf dem gleichen Gelände der neue Teil des Brauereigeländes, hier ist die bewachte Einlagerung von Kulissen, Props, Fahrzeugen etc. möglich oder sie wird als Kultureinrichtung genutzt.
Die Gebäude des größten Brauereikombinats der ehemaligen DDR sind denkmalgeschützt und werden mit ihrer historischen Backsteinarchitektur als Industriedenkmal der Stadt Dessau gelistet.

Aufnahme aus 2011

Seit 2012 ist der gemeinnützige Brauhaus-Verein insovlent und seitdem wird wieder nach neuen Käufern gesucht. Das Bauensemble und die Zukunft ist wieder einmal ungewiss.

Fotos aus 2013:


Zusammengefasst

Kategorie: Industrie
Bundesland: Sachsen-Anhalt/Germany
Baujahr: ab ca. 1850-1899
Verlassen seit: 1994
Status: unsaniert, teilsaniert, in Teilnutzung
Gesamtfläche: ca. 35.000m² und mehr
Denkmalschutz: Ja
Architekt: nach Entwürfen von Karl Teichen (Regierungsbaumeister)

Erkundet: 2007, 2011 und 2013
sonstiges: Fotos der Innenaufnahmen
Foto-Copyright: URBAN ARTefakte
Text-Quellen: Verein Brauhaus-Dessau, MDM Film Commission, Focus, Stad und Land Fotos

http://web.archive.org/web/20060924190910/http://www.brauhaus-dessau.de/start_frame_1.htm
http://web.archive.org/web/20041122010625fw_/http://www.brauhaus-dessau.de/6_publikationen/presse/taz250897.html
http://web.archive.org/web/20041121195026fw_/http://www.brauhaus-dessau.de/6_publikationen/presse/mz270299.html
http://web.archive.org/web/20041121001551fw_/http://www.brauhaus-dessau.de/6_publikationen/presse/mz100801.html
http://web.archive.org/web/20041121071155fw_/http://www.brauhaus-dessau.de/6_publikationen/presse/mz120897.html
https://www.mdm-online.de/LGSuche_load.do?pk=%25238hvE3%252BsaG%252B8%253D
http://www.landadelssitze.de/baudenkmale/sachsenanhalt/dessau/brauerei/index.htm
https://stadt-und-land.photos/album/dessauer-schultheiss-brauerei
https://land-der-ideen.de/projekt/brauhaus-verein-1070
https://www.focus.de/regional/sachsen-anhalt/dessau-rosslau-denkmal-beschaeftigt-bauausschuss-was-wird-aus-alter-schultheiss-brauerei_id_9929693.html

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