Das Kino International

2011 fing ich lose damit an, gezielter Objekte aufzusuchen, die in DDR-Architektur entstanden sind. Hier und da entstanden immer mal wieder Fotos, die auf der Festplatte verharrten, aber nie gezeigt wurden.
Ab 2018 intensivierte sich das Thema wieder, so dass ich ab und an erneute Aufnahmen machte, in der Karl-Marx-Allee waren zu der Zeit allerdings schon Bauarbeiten eingetreten, so das ich froh bin, vom Kino International noch das eine oder andere Foto zu haben, welches ohne Bauarbeiten im Hintergrund auskommt. Zu den Fotos samt Historie im Hintergrund:

Das Großraumkino an der Karl-Marx-Allee

Auf der Karl-Marx-Allee (damals Stalinallee) zwischen Strausberger Platz und Alexanderplatz in Berlin-Mitte entstehen 1959 bis 1965 die ersten industriell gefertigten Wohngebäude in Plattenbauweise.

Aufnahme aus 2011

Der sozialistische Wohnkomplex an der Karl-Marx-Allee in Mitte soll mehr sein als nur ein Ort zum Wohnen. Er erhält 1961 bis 1964 sein eigenes städtebauliches Zentrum: Zusatzgebäude für Kultur und Geselligkeit, wie das vom Kino International gegenüber liegende Café Moskau oder die Mokka-Milch-Eisbar links daneben.
Den Entwurf für diese Zusatzgebäude zeichnet der Architekt Josef Kaiser, der auch das Kino Kosmos und das Cafe Moskau entworfen hatte, aber auch Heinz Aust. Als ehemaliger Chefplaner der Stalinstadt Eisenhüttenstadt hat sich Kaiser Anfang der 1950er Jahre am Zuckerbäckerstil orientiert.
Jetzt sucht er den Anschluss an die Entwicklung im Westen. Unverkennbar ist die Ähnlichkeit des Kino International mit den seinerzeit neuesten Veranstaltungsbauten aus West-Berlin: Zoo-Palast und Deutsche Oper.

Aufnahme aus 2011

Der Stahlbetonskelettbau mit heller Sandsteinverkleidung an der Karl-Marx-Allee 33 ragt mit seinem Obergeschoss über die Eingangshalle hinaus und öffnet sich mit raumhohen Fenstern zur Straße, an den Seitenflächen sind Reliefs in die Fassade eingeschnitten.
Das Großraumkino, welches heute zur Yorck-Kinogruppe gehört, wurde 1963 unter Anwesenheit des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht eröffnet und diente in der DDR bis 1990 als Prestige- und Premierenkino.
Durch seine leichte und luftige Funktionalität unterscheidet es sich grundlegend von den in den 1950er Jahren fertiggestellten Gebäuden der übrigen Karl-Marx-Allee.

Als Zeugnis der architektonischen Moderne steht das Kino seit Beginn des 21. Jahrhunderts unter Denkmalschutz. Nach 1990 wurde der Kinosaal denkmalgerecht umgebaut und die Bestuhlung ausgewechselt.
Das meiste im Filmtheater ist aber tatsächlich noch Original: der Marmorboden, die 20.000 Ostmark teuren Leuchter aus böhmischem Glas, Möbel aus Esche und Ahorn, die schweren Vorhänge im ersten Stock, die früher im Sommer immer geschlossen waren.
Selbst der hölzerne Bargeldteller an der Bar existierte schon 1975. Lediglich der abgetretene Parkettboden aus Tropenholz im ersten Stock wird die Sanierung wohl nicht überstehen, weil Material und Verarbeitung den EU-Normen widersprechen.

Zu DDR-Zeiten organisierte der im Obergeschoss sich befindende Jugendclub „Klub International“ Konzerte mit neuen Bands. Weiter gab es ein Büro des Oktoberklubs und auch die Stadtbezirksbibliothek fand in den Räumlichkeiten Platz.
Im Kino International wurden zahlreiche DEFA-Filme uraufgeführt, zuletzt am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls mit Heiner Carows: „Coming Out“. Seit den späten 1990er Jahren dienen die Räumlichkeiten des Kinos International zu regelmäßig stattfindenden schwul-lesbischen Partys.

Die 8. Reihe des Kinos, in der man eine optimale Sicht hat, war für die Partei- und Staatsführung reserviert und mit einer besonderen Beinfreiheit versehen. Vor und nach den Premieren hielten sich die Besucher der Staatsführung im „Repräsentationsraum“ (heute: Honecker-Lounge) auf. Im Keller wurden für die Staatsführung ein wenige Personen fassender Atombunker und im Gebäudeinneren ein Aufzug nachträglich eingebaut.

Aufnahme aus 2015

Wenn man das Kino International von allen Seiten betrachtet, stellt man fest, das die anderen drei Seiten überhaupt keine Fenster haben. Die Fassade besteht aus einem Relief der Künstler Waldemar Grzimek, Karl-Heinz Schamal und Hubert Schiefelbein.
Deren 14 Betongussplatten tragen den Titel: „Aus dem Leben heutiger Menschen“, zeigen aber vielmehr eine utopische Zukunftsvision: einen Ingenieur, der futuristische Maschinen steuert. Einen Schwerarbeiter, dessen Körperkraft nicht mehr gebraucht wird und der deshalb ein Buch studiert.

Im 21. Jahrhundert wird das Kino International von zahlreichen Filmemachern aufgrund seines Ambientes wieder als Premierenkino genutzt und ist weiterhin Spielstätte im Rahmen der Berlinale. Es ist beliebt bei den Berliner Kinogängern als Kino mit Tradition und besonderer Atmosphäre.

Aufnahme aus 2011

Die sehr großen Filmplakate des Films der Woche an der Außenseite des International werden per Hand von Filmplakate-Malern des Studios „Werner Werbung“ aus Reinickendorf gezeichnet und sind ein echter Blickfang.


Zusammengefasst

Kategorie: Kultur
Bundesland: Berlin/Germany
Baujahr: 1963
Verlassen seit:
Status: saniert, in Nutzung
Gesamtfläche: 1.330m²
Denkmalschutz: ja
Architekt: Josef Kaiser und Heinz Aust

Erkundet: 2011 und 2019
Foto-Copyright: URBAN ARTefakte
Text-Quellen: Wikipedia, Visit Berlin, BZ-Berlin, DB Bauzeitung, Stadtentwicklung Berlin und Flanieren in Berlin

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kino_International
https://www.visitberlin.de/de/kino-international
https://www.bz-berlin.de/kultur/kino-international-filmreif-mit-bunker-und-honecker-lounge

Kino International in Berlin


https://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/liste_karte_datenbank/de/denkmaldatenbank/daobj.php?obj_dok_nr=09011370
https://thelink.berlin/2016/07/kino-international-dietrich-worbs-gebr-mann-verlag/
https://www.flanieren-in-berlin.de/bezirke/friedrichshainkreuzberg/stalins-ohr-und-tierskulpturen.html

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