Aussenanlage Chemiewerk Rüdersdorf

Neben der Arzt-Villa Anna L., die ich im Jahr 2014 mehr durch Zufall besuchte, war auch Rüdersdorf mit ein Objekt, welches unvergesslich für mich bleibt – obwohl beide total gegensätzlich in ihrem Wirken und Geschichte sind.
Während in der einstigen Urologie alle Instrumente samt Akten und Mobilar noch vorhanden waren, als ob das Gebäude von jetzt auf gleich verlassen worden wäre, gibt Rüdersdorf einen anderen gespenstischen Überblick; nämlich: auf gigantische Betonskelette, die wie schneebedeckt vom Kalk btw. Zement durch die Landschaft ragen.
Das ich von dieser Fabrik gigantischen Ausmaßes so viele und so gute Außenaufnahmen habe, wusste ich gar nicht mehr. Zeit also, diese mal der Öffentlichkeit vorzustellen!

VEB Chemiewerk Coswig, Betriebsteil Rüdersorf

Etwas abgelegen von der Großstadt gelegen, befindet sich die ehemalige Chemiefabrik Rüdersdorf am Rand des gleichnamigen Kalksteingebietes samt Tagebau, welcher schon im 17. Jahrhundert Baumaterialien für Berlin und Brandenburg lieferte.
Seit 1999 stillgelegt, befinden sich die ehemaligen Chemiehallen, in denen seit Anfang des 20. Jahrhunderts insbesondere Schwefelsäure und Zement produziert wurden, direkt gegenüber des Museumsparks.

Betritt man diesen Koloss aus Stahl und Beton, werden einem die Ausmaße zunächst gar nicht bewusst. Über rostige Leitern und teilweise metergroße Löcher im Boden erreicht man über verschiedene Plattformen die oberste Etage eines Stahlgerüstes, von dem man einen sowohl atemberaubenden als auch leicht schaurigen Blick hinunter in die Halle werfen kann. Von hier aus wirken die riesigen Aufbewahrungsbehälter vom Eingang der Halle fast winzig. Erst von dieser erhöhten Plattform erkennt man die dicke Staubschicht, die alles unter sich begraben hat.

Er war ein wahrer Chemiegigant – das VEB Chemiewerk Coswig, Betriebsteil Rüdersorf. Über 90% der heute noch zu sehenden Bauten stammt aus den Jahren 1940-1942.
Die Geschichte des Werkes auf dem riesigen Area am Kriensee geht allerdings noch viel weiter zurück. Alles begann mit der Firma „C.O. Wegener“ ( C. O. Wegener Rüdersdorfer Portland Cementwerk Hennickendorfer Dampfziegeleien), die um 1900 an diesem Standort ein Zementwerk errichtete.

Der Ort war bewusst gewählt worden, wurde doch in Rüdersdorf auf Basis des Kalksteinvorkommens die industrielle Verarbeitung von Branntkalk und Zement betrieben. In einem gefährlichen Prozess wurde nach Fertigstellung des Werkes am hochmodernen Drehrohrofen bis in das Jahr 1939 Zement gebrannt, dann erwarb die Preußag AG im selben Jahr das Werk. Kriegsbedingt stellte man ab 1944 synthetisches Bauxit für die kriegswichtige Aluminium-Produktion her.

Während des Zweiten Weltkrieges mussten mehr als 2.000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus 16 Nationen in Steinbrüchen der Preussag und im Beton- und im Zementwerk Zwangsarbeit verrichten. Auch sowjetische Gefangene in einem separaten Kriegsgefangenenlager, die unter KZ-ähnlichen Bedingungen lebten, sowie französische und italienische Internierte wurden für kriegswichtige Produktion verwendet.

Das Werk gehörte für damalige Verhältnisse zu den technisch modernsten der Region. Dementsprechend ist es auch wenig verwunderlich, dass es die Sowjets nach dem Krieg bis auf die Grundmauern demontieren und die Einzelteile gen Osten verfrachten ließen – bis 1950 ein Neuanfang gewagt wurde.
1950 wagte man unter dem Namen „VEB Glühphosphatwerk Rüdersdorf“ diesen Neuanfang und nutzte die Drehrohröfen zur Herstellung von Futterphosphat. Das Düngemittel-Endprodukt, welches man unter dem Namen „Rükana“ (hydrothermische Entfluorierung eines Gemischs aus Rohphosphat, Phospohorsäure und Soda) als Devisenbringer vermarktete, besaß die höchste Güteklasse und war so auch für den Export in den Westen lukrativ.

Jahre später – im Rahmen des Siebenjahrplans (Siebenjahrplan des Friedens, des Wohlstandes und des Glücks des Volkes) – formte man das Gelände durch Neubauten und Erweiterungen zu einem mächtigen Chemiewerk, so dass die erste Ofenstraße des neuen Chemiewerkes am 15. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus im Jahr 1960 gezündet wurde.
Das mit einem Aufwand von 136 Millionen Mark errichtete Coswiger Chemiewerk konnte nach Vollendung der ersten und zweiten Aufbaustufe Mitte 1961 jährlich 200.000 Tonnen Schwefelsäure und etwa ebenso viel Zement liefern.

Schrittweise wurden ab Oktober 1966 die Zementwerke II und III in Strafgefangenenobjekte mit Mauer, Stacheldrahtzaun und Hundelaufzone umgewandelt. Ähnlich wie schon im heißen Krieg, wurden auch im Kalten Krieg sogenannte „Sonderarbeitskräfte“ in der Produktion eingesetzt, was allerdings (meist politische) Strafgefangene waren, die Zwangsarbeit leisten mussten, darunter auch viele (minderjährige) Jugendliche.
Die DDR-Regierung brachte diese im Alter zwischen 14 und 18 Jahren in ein Arbeitslager für Jugendliche (<= PDF mit Dokumenten und Fotos) nach Rüdersdorf, wo sie dann im Tagebau oder im Zementwerk Rüdersdorf für 3 MDN pro Tag arbeiten mussten. Das Geld wurde für Verpflegung und Unterbringung einbehalten. Der Grund war angebliches „rowdyhaftes Verhalten“.
Manche Eltern erfuhren erst nach der Entlassung, dass ihre Kinder dort eingesperrt waren. Die Jugendlichen wurden schriftlich dazu verpflichtet, über das Erlebte zu schweigen. Rechtsmittel gab es nicht, sie waren per Gesetz ausgeschlossen.

Weiterhin wurden ab 1970 sogenannte Vertragsarbeitskräfte aus Algerien, Vietnam und Mosambique eingesetzt, um das aufgetretene Arbeitskräfteproblem zu lösen. Von rund 300 Arbeitskräften waren zum Schluss noch 12 übrig.
Mit der Wende meldete die Fabrik Insolvenz an. Es wurde anschließend alles abtransportiert, was Wert hatte und zur Insolvenzmasse gehörte und seitdem verfallen die einzelnen Gebäudebestandteile.

1979 wurde das Chemiewerk Rüdersdorf in das neu gebildete „VEB Kombinat Agrochemie Piesteritz“ integriert und bildete nun den Betriebsteil „Coswig“. Um die stetig steigenden Produktionserwartungen zu gewährleisten, nahm man 1972 zwei neue, 100 Meter lange Drehrohröfen in Betrieb. Mit der deutschen Wiedervereinigung sanken dann die Absatzzahlen und auch bedingt durch zwielichtige Investoren konnte man ein Ende der Produktion und damit die Schließung des Chemiewerkes im Jahr 1999 nicht mehr abwenden.

Seit der Jahrtausendwende fristet das Chemiewerk Rüdersdorf sein Dasein als furchteinflößendes Betonskelett am Rande von Berlin. Durch die leeren Fensterrahmen pfeift der Wind, sämtliche Türen fehlen, und überhaupt wurde alles, was nicht niet-und nagelfest ist, mitgenommen.
Mit Abrissarbeiten hat man es bei den meterdicken Stahlbetonwänden gar nicht erst probiert. Bei dem Abbau des Geländes wurde im Jahr 2000 einer der größten Umweltskandale Brandenburgs aufgedeckt.
Unmittelbar auf dem Areal neben dem Museumspark lagerten rund 80 Fässer mit Öl und ölhaltigen Flüssigkeiten. Die Scheiben der komplett ausgestatteten Chemielabore waren eingeschlagen, die Türen standen weit geöffnet, Chemikalien waren auf dem Boden verschüttet und in den Regalen standen Gefäße mit hochgiftigen Substanzen, mit Salpetersäure, Schwefelsäure, Salzsäure. Ein Teil der bis zu einhundert Liter fassenden Behältnisse waren undicht. Der Inhalt lief zum Teil unkontrolliert in Gullys, also in das Grundwasser ab.

Selbst hatte ich auch einen unterirdischen Gang entdeckt, wo ich aber nicht weiter einstieg. Davor lagen zig Fässer, die ausliefen. Da wusste ich noch nichts von dem Umwelt-Skandal, bin mir aber fast sicher, das dort noch mehr Giftmüll in Bunkern lagert, die dort überall auf dem Gelände vorhanden sind. Der Fund war übrigens auch gegenüber dem Museumspark. Also 13 Jahre später.

Durch die enorme Gelände- und Hallengröße dient das Gelände seit der Stillegung ab und zu als Filmkulisse. Neben der Mondlandung im Rammsteinvideo zum Song „Amerika“ wurden hier auch die Filme „Enemy at the Gates“ und „Monuments Men“ gedreht. Sogar Teile aus der Filmreihe „Die Tribute von Panem“ und aus der Serie „Homeland“ stammen von dem Gelände der ehemaligen, alten Chemiefabrik.

Mit Verlassen des Geländes und der aufziehenden Sonne hinter dem grau bedeckten Himmel bekommt das Szenario ein gänzlich anderes Gesicht. Die sich vorher dem Hintergrund angleichenden grauen Ruinen zeigen sich, wie zum Abschied, nun teilweise in einem rostigen Rot, als wollten sie sich zum Ende von ihrer besten Seite zeigen.
Läuft man die Brücke zurück und riskiert einen letzten Blick zurück zum Areal, erkennt man, gefangen von den Eindrücken der letzten Stunden, dass die Ruinen der Natur und der Witterung wohl noch lange Stand halten werden.

Nutzungspläne wurden verworfen, ebenso wie die begonnene Abbrucharbeiten. Der teilweise meterdicke Stahlbeton und die enormen Altlasten ließen so manches Unternehmen an ihre Grenze stoßen.
Empfehlenswert und angrenzend an das ehemalige Chemiewerk ist der Museumspark Rüdersdorf mit seinen vielen technischen Bauwerken. Die Gebäude und Anlagen sind für jeden Besucher und einem Eintrittspreis frei zugänglich.

Sobald ich die nötigen Tools habe, um meine Innenaufnahmen (Fotos in Serie von unterschiedlichen Belichtungszeiten) von Lost Places bearbeiten zu können, erwartet euch so etwas oder ähnliches aus dem Chemiepark Rüdersdorf:


Zusammengefasst

Kategorie: Industrie
Bundesland: Brandenburg/Germany
Baujahr: ab ca. 1860
Verlassen seit: 1999
Status: unsaniert
Gesamtfläche:
Denkmalschutz:
Architekt:

Erkundet: 2013
Foto-Copyright: URBAN ARTefakte
Text-Quellen: Lost Places Berlin, Forgotten Places Berlin, Rottenplaces, Archivspiegel, Rüdersdorf, Allerorts, UOKG/Rainer Buchwald & Bundesstiftung Aufarbeitung

http://lostplacesberlin.blogspot.com/2013/05/chemiefabrik-rudersdorf.html
https://forgottenplacesberlin.wordpress.com/2020/02/03/chemiewerk-ruedersdorf/

Chemiewerk Coswig BT Rüdersdorf

Lost Places – Das ehemalige VEB Chemiewerk Coswig, Betriebsteil Rüdersdorf


https://www.ruedersdorf.de/fotos/2/101891/rüdersdorf-bei-berlin/schnappschüsse/das-ehemalige-chemiewerk-rüdersdorf
https://www.allerorts.de/blog/chemiewerk-ruedersorf

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